Ein Elektrobetrieb, fünf Gesellen, ein Azubi im zweiten Lehrjahr. Die Kündigung kommt ohne jede Vorwarnung, gebracht wird sie von der Mutter, und am Tag darauf trifft die Krankmeldung ein. Der Chef hatte nie eine Gelegenheit, mit dem jungen Mann zu sprechen.

So oder ähnlich läuft es oft. Und meistens gab es Anzeichen. Sie wurden nur nicht als solche gelesen.

Fehlzeiten beim Azubi sind etwas anderes als bei einem erfahrenen Gesellen. Bei einem Erwachsenen mit Familie und fünfzehn Berufsjahren steckt oft eine körperliche Belastung dahinter. Bei einem Siebzehnjährigen im ersten Lehrjahr steckt meistens etwas anderes dahinter, und es ist oft ein Frühwarnzeichen.

Dieser Artikel zeigt dir die sechs häufigsten Ursachen, wie du das Gespräch führst, bevor es zu spät ist, und wo du Unterstützung bekommst. Um den grundsätzlichen Umgang mit Auszubildenden geht es in Azubis führen im Handwerk.

Warum das beim Azubi anders liegt

Ein junger Mensch in der Ausbildung befindet sich in einer Lage, die wir als Erwachsene leicht unterschätzen.

Er ist zum ersten Mal in einer Arbeitswelt, deren Regeln er nicht kennt. Er kann fachlich fast nichts und merkt das jeden Tag. Er ist der Jüngste, oft der Einzige seines Alters, und er ist auf Menschen angewiesen, die er sich nicht ausgesucht hat. Dazu kommt bei vielen die Berufsschule mit Noten und Prüfungen.

In dieser Lage fehlt einem Jugendlichen etwas, das Erwachsene meist haben: Er kann seine Not selten in Worte fassen, und er hat noch nicht gelernt, ein schwieriges Gespräch zu führen. Wenn ihm etwas zu viel wird, hat er wenige Möglichkeiten. Nicht zu kommen ist eine davon.

Deshalb ist die Frage bei einem Azubi selten „Ist er wirklich krank?” Die Frage lautet: Was kann er mir gerade nicht sagen?

Die sechs häufigsten Ursachen

1. Überforderung, die er nicht zugeben kann. Er versteht eine Aufgabe nicht, hat schon zweimal nachgefragt und traut sich das dritte Mal nicht mehr. Am nächsten Tag steht genau diese Aufgabe an. Für einen jungen Menschen ist das ein größerer Berg, als es von außen aussieht.

2. Der Ton auf der Baustelle. Das ist die Ursache, die Chefs am seltensten sehen, weil sie in ihrer Gegenwart nicht auftritt. Ein Kunde beschrieb einmal, wie ein Geselle in seiner Anwesenheit mit dem Azubi umging, und stellte die naheliegende Frage, wie es wohl klingt, wenn niemand zuschaut. Wenn du auf der Baustelle stehst, verhalten sich alle anders. Das ist keine böse Absicht, sondern normal, und es heißt, dass du den Alltag deines Azubis nur teilweise kennst.

3. Unterforderung und Bedeutungslosigkeit. Wer im dritten Monat immer noch fegt, Material trägt und Kaffee holt, verliert die Verbindung zu dem, warum er angefangen hat. Langeweile fühlt sich für junge Menschen ähnlich zermürbend an wie Überforderung.

4. Angst vor der Berufsschule. Schlechte Noten, eine anstehende Prüfung, das Gefühl, es nicht zu schaffen. Manche Ausfälle im Betrieb hängen mit der Schule zusammen und nicht mit dir. Wissen kannst du das nur, wenn du fragst.

5. Zweifel an der Berufswahl. Er hat sich das anders vorgestellt. Vielleicht war es der Wunsch der Eltern. Das auszusprechen fällt schwer, weil es wie Aufgeben klingt.

6. Etwas zu Hause. Trennung der Eltern, Umzug, Geldsorgen, eigene gesundheitliche Themen. Junge Menschen sprechen darüber im Betrieb fast nie.

UrsacheEin Anzeichen dafür
ÜberforderungAusfälle vor bestimmten Aufgaben, er fragt kaum noch nach
Ton im TeamAusfälle bei bestimmten Kollegen oder Baustellen
UnterforderungRückzug, wenig Interesse, macht nur, was gesagt wird
BerufsschuleAusfälle rund um Schultage, Prüfungen, Zeugnisse
Zweifel an der Berufswahlallgemeine Lustlosigkeit, keine Fragen mehr zum Fach
Privatplötzliche Veränderung ohne erkennbaren Anlass im Betrieb

Die zweite Zeile ist der wichtigste Hinweis in diesem Artikel. Wenn du merkst, dass Ausfälle mit bestimmten Personen oder Baustellen zusammenfallen, hast du deine Ursache mit hoher Wahrscheinlichkeit gefunden.

Fehlzeiten sind das Vorzeichen, nicht das Problem

Ein Ausbildungsabbruch kommt selten aus dem Nichts. Er kündigt sich über Wochen an, und die Zeichen ähneln sich:

Wer diese Zeichen kennt, hat einen erheblichen Vorteil: Bis auf die letzte Stufe lässt sich fast alles davon noch drehen.

Das ist auch wirtschaftlich der Punkt. Ein Abbruch bedeutet, dass die Ausbildungszeit, die Betreuung und die eingesetzte Geduld verloren sind und du wieder von vorn beginnst, in einem Markt, in dem Bewerber knapp sind.

Das Gespräch führen

Bei einem jungen Menschen gelten andere Regeln als beim Gespräch mit einem Erwachsenen.

Früh, nicht spät. Beim dritten Ausfall, nicht beim zehnten. Je länger du wartest, desto größer ist der Berg für ihn.

Nicht im Büro über den Schreibtisch hinweg. Diese Anordnung erinnert Jugendliche an Schule und an das Direktorat. Ein Gespräch im Auto auf dem Weg zur Baustelle oder bei einer gemeinsamen Arbeit funktioniert oft besser, weil man nicht die ganze Zeit anschauen muss.

Nicht mit der Fehlzeit anfangen. Fang mit einer echten Frage an. Zum Beispiel:

„Ich habe den Eindruck, dass es dir gerade nicht so gut geht bei uns. Stimmt das?”

Dieser Satz macht etwas anderes als „Du hast jetzt schon achtmal gefehlt”. Er signalisiert Interesse statt Anklage, und für einen Siebzehnjährigen ist dieser Unterschied entscheidend.

Die Fragen, die weiterhelfen. Junge Menschen antworten schlecht auf große offene Fragen. Konkrete Fragen funktionieren besser:

Besonders die letzte Frage öffnet häufig etwas, weil sie das Nichtverstehen ausdrücklich erlaubt.

Pausen aushalten. Länger als bei Erwachsenen. Fünf Sekunden Stille sind für dich unangenehm und für ihn die Zeit, die er braucht.

Nicht alles auf einmal lösen wollen. Wenn etwas zur Sprache kommt, greif dir eine Sache heraus und ändere die. Sichtbar und zügig. Ein junger Mensch glaubt nicht an Ankündigungen, er glaubt an das, was tatsächlich passiert.

Was du danach änderst

Gib ihm einen festen Ansprechpartner. Der häufigste strukturelle Fehler in Handwerksbetrieben ist, dass der Azubi jede Woche bei einem anderen mitfährt. Jeder zeigt ihm etwas anderes, niemand fühlt sich für seine Entwicklung zuständig, und Probleme fallen niemandem auf.

Ein fester Pate ändert das, und es sollte ausdrücklich nicht der Chef sein. Ein Geselle, der Geduld hat, den Betrieb positiv sieht und die Aufgabe will. Mehr dazu steht in Neuen Mitarbeiter einarbeiten.

Gib ihm eine Aufgabe, die ihm gehört. Nicht die schwerste, aber eine, die sichtbar ist und für die er verantwortlich ist. Im Lotsenwissen beschreiben wir die Entwicklung über die Verantwortungspyramide: Mitwissen, Mitdenken, Mitlernen, Mitverantworten. Bei einem Azubi beginnt sie ganz unten, aber sie beginnt.

Sprich mit dem Team. Wenn der Ton das Problem ist, ist das nicht die Sache des Azubis. Dann ist es deine. Ein Gespräch mit dem betreffenden Gesellen gehört dann dazu, unter vier Augen und ohne den Azubi bloßzustellen, weil er es sonst doppelt ausbaden muss.

Und schau selbst genauer hin. Fahr einen Tag mit, ohne einzugreifen. Du wirst Dinge sehen, die dir sonst nicht begegnen.

Wo du Hilfe bekommst

Zwei Anlaufstellen, die viele Betriebe nicht auf dem Schirm haben.

Der Ausbildungsberater deiner Handwerkskammer. Diese Beratung ist für Betriebe kostenfrei. Die Berater sehen solche Fälle regelmäßig, können vermitteln und kennen die Unterstützungsangebote für Auszubildende, etwa begleitende Hilfen bei schulischen Problemen.

Bei rechtlichen Fragen: Kammer oder Fachanwalt. Wie viele Fehltage zulässig sind, welche Nachweise verlangt werden dürfen und unter welchen Bedingungen ein Ausbildungsverhältnis beendet werden kann, sind Rechtsfragen mit eigenen Regeln für Ausbildungsverhältnisse. Das kann und will ich hier nicht beantworten.

Was ich sagen kann: In fast allen Fällen, die ich erlebt habe, kam die rechtliche Frage nur deshalb auf, weil das Gespräch ein halbes Jahr zu spät geführt wurde.

Womit du diese Woche anfängst

Wenn dir gerade ein Azubi einfällt: Schau dir an, wann er gefehlt hat, und leg daneben, mit wem er in diesen Wochen gearbeitet hat und was anstand. Zehn Minuten Arbeit, und in vielen Fällen zeigt sich ein Muster.

Dann such dir eine gemeinsame Fahrt oder eine gemeinsame Arbeit und stell ihm die vier Fragen. Nicht als Gespräch angekündigt, sondern nebenbei.

Und wenn du feststellst, dass er bei jedem anderen mitfährt und niemand zuständig ist: Das ist der eine Punkt, den du diese Woche ändern kannst. Er kostet nichts und wirkt oft mehr als alles andere.

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Häufige Fragen

Was tun, wenn der Azubi ständig krank ist?

Früh und ruhig ansprechen, ohne Vorwurf. Häufige Fehlzeiten sind in der Ausbildung fast immer ein Zeichen dafür, dass etwas nicht passt: Überforderung, ein Konflikt mit einem Gesellen, Angst vor der Berufsschule oder Zweifel an der Berufswahl. Wer das früh erfährt, kann meistens noch etwas ändern.

Sind Fehlzeiten ein Zeichen für einen drohenden Ausbildungsabbruch?

Sehr häufig ja. Ein Abbruch kommt selten aus dem Nichts, er kündigt sich über Wochen an. Fehltage, Rückzug und nachlassende Fragen sind die typischen Vorzeichen. Genau deshalb lohnt es sich, beim dritten Ausfall zu reden und nicht erst beim zehnten.

Wie oft darf ein Azubi krank sein?

Das ist eine arbeits- und ausbildungsrechtliche Frage mit eigenen Regeln, die sich nicht pauschal beantworten lässt. Zuständig sind der Ausbildungsberater deiner Handwerkskammer und im Zweifel ein Fachanwalt. Führungsseitig gilt: Nicht die Zahl ist entscheidend, sondern ob du weißt, woran es liegt.

Darf ich mit den Eltern sprechen?

Bei Minderjährigen sind die Eltern ohnehin beteiligt, bei Volljährigen nur mit Zustimmung des Azubis. Wichtiger ist die Reihenfolge: Sprich zuerst mit dem Azubi selbst. Wer über seinen Kopf hinweg mit den Eltern redet, verliert ihn meistens endgültig.

Was mache ich, wenn er im Betrieb fehlt, aber in der Berufsschule war?

Das ist ein deutliches Zeichen, dass es um den Betrieb geht und nicht um die Gesundheit. Sprich es ruhig und ohne Anschuldigung an, und frag nach dem, was im Betrieb schwierig ist. Sehr oft steckt ein Konflikt mit einer bestimmten Person dahinter.

An wen kann ich mich wenden?

An den Ausbildungsberater deiner Handwerkskammer. Diese Beratung ist für Betriebe kostenfrei, die Berater kennen solche Fälle und vermitteln bei Bedarf auch Unterstützungsangebote für den Azubi. Viele Betriebe wissen nicht, dass es diese Stelle gibt.